|
Über eine Milliarde Menschen sind derzeit unterernährt, das sind etwa 19 Prozent der Weltbevölkerung, ergab eine Studie der Weltbank, die Christopher Delgado beim G-20-Finanzministertreffen in Busan (Südkorea) vorstellte. Die Zahl der Hungernden habe vor fünf Jahren noch 16 Prozent betragen. „Das ist eine humanitäre Katastrophe und ein Skandal“, sagte der Leiter des Weltbank-Programms für Landwirtschaft und Nahrungssicherheit.
Die stark gestiegenen Nahrungsmittelpreise gehören zu den entscheidenden Ursachen, weshalb in Südostasien und Afrika derzeit mehr Menschen hungern denn je. Seit 2008 haben steigende Nahrungspreise zwischen 100 und 200 Millionen Menschen in die Unterernährung getrieben. Auch durch die Finanzkrise habe sich die Ernährungssituation verschlechtert, durch sie hungerten etwa 41 Millionen, schätzt die Weltbank.
Delgado stellte ein Konzept der Weltbank vor, wie die Nahrungslage weltweit verbessert werden könnte. Das Konzept könnte bereits im November auf dem G-20-Gipfel in Seoul behandelt werden. Die Weltbank hat vier Kriterien für Nahrungssicherheit aufgestellt: Nahrung muss vorhanden sein, zugänglich und nahrhaft. Außerdem muss ihr Nachschub sicher gestellt sein.
Diese Kriterien hätten die Regierungen in den vergangenen Jahren vernachlässigt. Sie reduzierten seit 1983 die Getreidevorräte erheblich, insbesondere in Folge der Asienkrise im Jahr 1997. Als vor sechs Jahren die Nachfrage nach Getreide stieg und Mais zur Produktion von Biokraftstoff genutzt wurde, explodierten die Preise. In der Folge füllten viele Länder ihre Nahrungslager wieder auf, während Investoren die steigenden Preise nutzten, um Gewinne zu erzielen. Mit drastischen Folgen: Der Preis von Reis verdreifachte sich im Januar 2008, während der von Weizen sich verdoppelte. Laut Studie wird derzeit in den Vereinigten Staaten ein Drittel der Maisproduktion zu Biodiesel verarbeitet, das ist über 13 Prozent des weltweiten Ertrags.
Die Finanzmärkte verteuerten die Nahrungsmittel deutlich, seit sie für Investoren als Kapitalanlage interessant geworden seien. Terminkontrakte auf Weizen, sogenannte Futures, dienten zunehmend als Anlageinstrument. Die Folge: Nahrungspreise seien immer stärker den Schwankungen der Finanzmärkte unterworfen. „Für die Stabilität in einem Land ist Nahrungssicherheit eine Vorbedingung“, betonte der Beauftragte für Nahrungssicherheit vom UN-Staatssektretär, David Nabarro. In Regionen, in denen sie nicht gewährleistet sei, sind gewaltsame Konflikte 20mal häufiger.
Hunger treffe Kinder am schlimmsten, da sie stärker auf regelmäßige und hochwertige Nahrungsmittel angewiesen seien, um ihre vollen körperlichen und geistigen Kapazitäten zu entwickeln. Seit 2008 habe Nahrungsmangel bei etwa 178 Millionen Kinder bleibende Schäden verursacht, schätzt die Weltbank. Ein nachhaltiges Wachstum sei ohne Nahrungssicherheit nicht möglich, so Nabarro. |